Der Baron von Zanzenberg

Die Schundhefte

Mit den Schundheften belebt unartproduktion unter dem Label #edition zanzenberg eine alte Form der billigen & niederschwelligen Lektüre und setzt sie für neu entstehende literarische Texte ein.

Ehrenschutz: Baron von Zanzenberg*. Herausgeber: Ulrich Gabriel.

Die neuen „Groschenhefte“ werden von wechselnden AutorInnen verfasst und illustriert, u.a. von Kurt Bracharz, Joe Gmeiner, Christian Futscher, Ulrich Gabriel, Petra Nachbaur, Ralph Saml, Margit Heumann, Stefan Bösch, Günter Köllemann, Lucia Mennel. Jedes neue Heft liegt auch in den Ärzte-Wartezimmern der Aktion „Lesen statt Warten“ von unartproduktion auf.

Das ABONNEMENT(15 Euro / 5 Hefte / portofreie Zusendung) gilt für 1 Jahr und wird nur nach erneuter Einzahlung des Abopreises, also nicht automatisch, verlängert.

Das EINZELHEFT kostet 5,00 Euro im Buchhandel, im Webshop oder bei Mailbestellung office@unartproduktion.at (zzgl. Versandkosten).

Auflage mindestens 300 pro Ausgabe. Vertrieb: Morawa, Runge, Shop unartproduktion.
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Aktuelle Sonntagskolumne von Ulrich Gabriel:

Das
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Narren

Veröffentlicht am 19.01.2020 07:00 von Ulrich Gabriel

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Wer in diesen Tagen den Ursprung des Närrischen sucht, gelangt über das Vereinswesen der durchorganisierten Lustigkeit zu den vielfältigen bunten Figuren der Kulturgeschichte. Er trifft auf Clowns, Eulenspiegel, Hofnarren, Hanswürste, Harlekine, englische Komödianten, die artistischen Charakterfiguren der Commedia del arte und viele andere mehr.

Sie alle wirken aber ziemlich harmlos gegen die vor allem in Frankreich verwurzelte radikale Urform des Narrentums. Zepter und Narrenkappe tauchen in der bizarrsten Ausprägung dort auf, wo wir es am wenigsten suchen würden: in der Kirche. Die Bischöfe des Mittelalters sahen dem Weihnachtsfest jedes Jahr mit Sorge entgegen. Bis Dreikönig wurde die Kirche zum Schauplatz des Narrenfestes, des Festes der Toren oder des Eselfestes.

Aus einem Rundschreiben der theologischen Fakultät von Paris im Jahr 1444, das auf ein Verbot dieses Treibens abzielte, geht hervor, was dabei alljährlich geschah: Diakone, Subdiakone und Chorknaben traten mit rußverschmierten oder grotesk maskierten Gesichtern in den unglaublichsten Kostümen auf. Während der Messe schritt man zur Wahl des Narrenbischofs in den Kirchen. Meist wurde ein Bettler bestabt, berockt und bemützt, dazu auserkoren. Der tanzende Klerus führte ihn mit frivolen Reimen in das Chorgestühl.

„Am Altar angelangt begannen sie, sich Brat- und Blutwürste einzuverleiben, soffen Wein aus randvollen Ziborien und riefen einander Flüche zu, spielten Karten und Würfel. Im Weihrauchfass wurden alte Schuhstücke verbrannt. Nach der „Messe“ ergoss sich der ausgelassene Zug samt Mistkarren in die Gassen der Stadt. Es waren eindeutige subversive Parodien auf die Liturgie in exzessivster Form samt Eselsmissale und einem mit reichbesticktem Kardinalsrock bedeckten Esel im Zentrum, der am Schwanz von rückwärts hereingezogen wurde. Die Idee von einer universellen Umkehrung der Werte kam zum Ausdruck, die Aufkündigung jeglicher Macht, der kirchlichen wie der politischen.“ (zit. Maurice Lever: „Zepter und Narrenkappe“ 1983).

Die Kirche wehrte sich mit all ihren Mitteln gegen diesen künstlichen, bewusst verhöhnenden, abergläubischen Wahnsinn. Durch seine Gottesferne und seine Nähe zu Tod und Teufel stand der Narr im 14., 15. und 16. Jahrhundert für VANITAS, leerer Schein, Lüge, Prahlerei. Zuletzt findet er am Hof des Herzogs als Spaßmacher der Herrschaft (Rigoletto) unter dem Thron ein abgestecktes Freiheitsgehege, denn: Macht kennt keinen Humor.

Und heute? Der Narr als radikaler Freigeist ist verschwunden. Als brav uniformierter Faschingsfunktionär marschiert er hierzulande unter der einheitsdeutschen rheinischen Hofnarrenkappe „auf die Bütt“ der Narrenabende, um dort mit schlecht gereimten Versen den unten sitzenden Clownnasenplotikeri die Rollolo-Bäuche zu pinseln.

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